Ken Bos

Spatz und Neuntöter

(2005)

»stories

Wenn schöne Frauen den Spatz anschauen, denken sie zärtlich an ein kuscheliges Nest - sehen sie einen Neuntöter, träumen sie vom wilden Abenteuer. Naja, Spatz und Neuntöter wissen das nicht und schauen ihrerseits bei den Frauen doch lieber nur auf die Hand, um rechtzeitig beispringen zu können, wenn die Hand sich öffnet und ein Krümelchen zu Boden fällt.

Das graue Asphaltband hat sich aufgeheizt am 12. Juli. Braunwelke Blätter säumen die Piste. Der kleine Ast bricht unter den Reifen, die Speichen federn die kleinen Stöße der Brüche im Asphalt ein wenig weg, dort, wo der Gummireifen nicht weich rollen kann. Den Rest übernehmen die Teleskopgabel und die Feder in der Sattelstütze. Ich pedale gleichmäßig und ohne Anstrengung weiter im grünen Rund des Stadtparks.

Die zwei Spatzen hüpfen auf mich zu und schimpfen. Ich verstehe ihre Sprache nicht, aber sie machen mir ihre Absicht durch ihre Haltung klar. Erst in letzter Sekunde bringen sie sich durch einen kleinen Satz in Sicherheit und ich rausche haarscharf an ihren kleinen Körpern vorbei und bin in Sekunden außer Hörweite. Schade, denn was die beiden Spatzen sich zurufen, hätte ich hören sollen.

An den Fliederbeerbüschen hat sich am Wegrand der kleine Ganove, der Neuntöter, mit schmaler Brust aufgebaut. Er wendet den Kopf zur Seite, während ich schnell auf ihn zurolle. Unter seinem schwarzen Augenband sehe ich seine Augen nicht. Guckt er überhaupt? Blinzelt er? Ich gehe aber davon aus, dass er mich sieht, so konzentriert spannt sich sein Körper auf den wippenden Füßen. Ich rase heran, der kleine Wicht hüpft entschlossen unter den Fliederbusch, keine Feder ist von ihm mehr zu sehen.

Auf jeden Fall habe ich nach dieser eben gefahrenen Runde ein merkwürdiges Gefühl. Was denken die Vögel sich dabei, solange vor einem heranpreschenden Fahrrad auf dem Asphalt hin und her zu hüpfen? Wollen sie Mut beweisen oder sind Vögel kurzsichtig oder einfach nur blöd?

Die Versammlung der Vögel hatte am frühen Morgen, in der Feuchte, kurz nach der ersten Futtersuche, stattgefunden. Fast alle waren zur Gründeponie im Park gekommen. Einige waren gekommen, weil sie immer dabei waren, wenn etwas los war, andere aus Neugier, denn selten kam es vor, dass alle, ausdrücklich wirklich alle eingeladen waren. Meistens machten die großen Vögel alle wichtigen Entscheidungen unter sich aus. Die Kleinen wurden häufig nicht mal informiert, sondern fanden sich prlötzlich und unerwartet in der neuen Situation.Aber diesmal war es anders, diesmal schien es so, dass die Kleinen auch gehört werden sollten, angeblich sollten sie sogar mitstimmen dürfen.

Der große Habicht hatte den Vorsitz, das hätte ihm auch kein anderer streitig gemacht - vielleicht die drei Eulenbrüder aus dem Nordteil des Parks, aber, so wurde gleich am Anfang spitz vermerkt, die hätten ihr Kommen ja nicht zugesagt, man hätte, genau genommen, nicht mit ihrem Erscheinen gerechnet - Eulen seien ja schließlich Nachtaktive.

Der Falke übte sich wie immer in der Rolle vornehmer Zurückhaltung, kommentierte alles, was gesagt wurde, wie ein kleines Echo zu seinem Nachbarn, dem Raben, und stets wählte er seine Formulierungen so spitzfindig, dass klar wurde, dass er selbst alles besser sich hätte ausdenken oder besser hätte sagen können.

Der Umstand, dass alle Vögel versammelt waren - die Grasmücke hatte wegen eine fiebrigen Erkältung abgesagt - beflügelte den Habicht zu einer weit ausholenden Erläuterung der Situation, besser vielleicht: der Situation, so wie er sie sah. Kurz gefasst ging es ihm darum, dass nun alle Vögel Widerstand leisten sollten gegen die fortschreitende Übernahme des Parks durch die Menschen. Ja, richtig gehört, die Menschen sollten durch eine gezielte und koordinierte Aktion dazu gebracht werden den Park in Zukunft zu meiden. Oder zumindest sollten es deutlich weniger Menschen sein, die sich alltäglich in den Park ergossen, mit Lärm und Müll - und vor allem mit vielen kleinen Kindern, die nur allzu gern die Parkwege verließen und durch Busch, Strauch und Unterholz streunten.

Das mit dem Müll sahen die Krähen aber ganz anders. Sie waren ja die Profiteure des Wohlstandsmülls, der allabendlich die Abfalleimer überquellen ließ und damit die gewohnte Fressorgie der Schwarzfedern garantierte. Die Meisen hielten dagegen, dass doch dieses Essen aus Pappschachteln und Plastikbeuteln alles andere als gesund wäre, was auch von den meisten applaudierend unterstützt wurde, der Rabe trat aber auf die Seite der Krähen und forderte eine Kommission, die die unterschiedlichen Bedürfnisse der verschiedenen Vogelgruppen untersuchen sollte. Und dass man auf jeden Fall nicht einseitig bestimmte Vogelgruppen benachteiligen sollte.

Dagegen machte der Habicht entschieden Front: Diese Versammlung hier sollte keiner dazu missbrauchen um die einmalige Einigkeit der Vogelwelt durch Ausdifferenzieren wieder zu zerschlagen. Statt dessen forderte er jede Vogelgruppe auf, konkrete Vorschläge zu machen, wie den Menschen beizukommen sei. Das animierte die Haubentaucher, die bisher auf keiner Versammlung jemals etwas gesagt hatten, die Gunst der Stunde zu nutzen um sich zu profilieren. Wir bieten an, sagte ihr Sprecher, den Trunkenbold, der im letzten Winter nachts durchs Eis des Viktoriateichs gebrochen und ertrunken war und nun noch immer im Bodenschlamm des Sees feststeckt, auftauchen zu lassen, und zwar gerade dann, wenn viele Eltern mit Kleinkindern am Teich wären. Das würde sie ganz bestimmt für lange Zeit davon abschrecken in den Park zu kommen. Der Vorschlag traf auf große Zustimmung, ja fast Bewunderung. Einen solchen Trumpf hatte natürlich keine andere Vogelgruppe im Ärmel.

Aufmerksamkeit erregte immerhin auch der Vorschlag der Schwalben, die Sturzflugangriffe auf Parkbesucher als gut machbar bezeichneten. Es gäbe da ein paar Stellen, wo sich die Parkwege der Menschen mit den Aufstiegsschneisen der fliegenden Ameisen, die ja jetzt um diese Zeit aus der Erde schlüpften, kreuzten und da sei man bereit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Die Mauersegler guckten dumm aus der Wäsche, wollten aber nicht zurückstehen und boten ebenfalls Sturzflugattacken an - aber ohne praktischen Hintersinn, uneigennützig und zum Wohle des Ganzen, wie sie schnippisch zu Protokoll gaben.

Das Protokoll führte der Kuckuck, was bei den offiziellen Versammlungen immer wieder mal zu Unmut führte, denn der pflegte stets eher seine eigene Meinung ins Protokoll zu schreiben, hingegen nicht unbedingt das zu erfassen, was tatsächlich im Plenum gesagt oder besprochen worden war. Diemal aber lag der Kuckuck durchaus richtig, als er bemerkte, dass alles bisher Gesagte nicht das Problem löse und wenn, dann nur in einem kleinen Teil des Parks, und dass nur, wenn überall im Park zugleich Maßnahmen ergriffen würden, an einen Erfolg gedacht werden könne.

Die Spatzen ergriffen nun lärmend das Wort und prahlten mit ihren guten Kenntnissen über die Menschen. Es sei ja so, dass sie die Menschen mehr oder weniger in der Hand hätten. Egal wo im Park, wenn sie auftauchten, würden die Menschen stets das tun, was sie, die Spatzen, wollten. Sie brauchten auf den Wiesen oder im Seerestaurant nur auf die Teller der Menschen zu hüpfen und schon bekämen sie, was sie wollten und die Menschen würden ihnen gern alles geben. Und wenn eine größere Spatzenschar aufträte, wäre schon so manche Menschengruppe weggelaufen, besonders, wenn sie ihnen auf Kopf und Schultern herumgesprungen wären.

Diese Schilderung fand große Anerkennung in der Runde der Vogelversammlung und schließlich waren alle, einschließlich des bedächtig den Kopf wiegenden Habichts, davon überzeugt, dass es den Spatzen vorbehalten sein sollte, den Kampf gegen die Mensch aufzunehmen. Die Haubentaucher verließen beleidigt die Versammlung und die Schwalben zogen ihren Vorschlag mit der Bemerkung zurück, sie wollten den Spatzen gern den Vortritt lassen. Der Neuntöter rief zwar, auch er sei bereit sich den Menschen entgegenzustellen, er könne doch schließlich überall seine Zweige schön ekelig präparieren, aber das ging in dem Tumult der Spatzenbegeisterung unter.

In der frühen Abenddämmerung desselben Tages verlor ein Spatz sein Leben, als er sich einem heranrasenden Radler in den Weg stellte und bis zum Schluss daran glaubte, dass der Radler ihm ausweichen würde. Er hatte seine Brust breit gemacht und die Flügel flach über den Boden ausgebreitet. Den Kopf drehte er angeberisch nach oben, dass die Brust sich ordentlich wölbte und er machte dabei einen Höllenkrach aus seinem weit aufgerissenen Schnabel. Das würde ihm zum Verhängnis, denn in dieser Körperhaltung konnte er weder gut sehen um die Entfernung zum Radler richtig abschätzen zu können noch konnte er rasch genug aufsteigen, als er schließlich erkannte, dass der Radler nicht vor ihm Halt machen würde. So erfasste ihn der große Gummireifen und zerbrach die zarten Knochen seines Brustkorbes.

Neben der kleinen Brücke saßen seine Brüder und Freunde zitternd vor Entsetzen im Buschwerk und mit der Dämmerung kam ihnen die Erkenntnis, zu spät, in welchen ungleichen Kampf sie geschickt worden waren.

Am späten Abend holte sich der Habicht den toten Spatz.

Der Neuntöter? Der hatte sich schon kurz vor Sonnenuntergang auf den Weg gemacht: Er verdrückte sich mit seiner Geliebten zu einem Kurzurlaub in Österreich.


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